Die Quintessenz
Ganz im Gegensatz zum kategorischen Imperativ, dass jeder Mensch als Selbstzweck, nicht als Mittel zu betrachten sei, ist die Frau in der alten Sexualmoral bisher nicht als Mensch, als Seele, als Persönlichkeit gewertet worden, sondern als Sache, als Leib, als Mittel zum Genuss oder Kindergebärerin.

Biographie
Helene Stöcker wurde 1869 in ein konservatives Elternhaus in Wuppertal geboren. Sie bekam die Möglichkeit, eine Höhere Töchterschule zu besuchen und führte diesen Bildungsweg mit einem Lehrerinnenexamen fort. Sie wollte nicht Lehrerin werden, doch dieser Berufszweig war eine der wenigen Möglichkeiten für Frauen, sich weiterzubilden.
In einer Zeitschrift bekam sie die Möglichkeit, einen Aufsatz mit dem Titel “Die moderne Frau” zu veröffentlichen und ihr Bild der selbstbewussten, emanzipierten Frau zu teilen. 1896 durften Frauen erstmals Gasthörerinnen in Uni-Vorlesungen sein, dort begann sie ein Studium der Literatur und Philosophie. Später konnte sie in Bern ihr Studium auch offiziell abschließen.
Helene Stöcker ging 1905 eine Beziehung mit einem Rechtsanwalt ein, gründete den “Bund für Mutterschutz und Sexualreform” und festigte ihre Ansicht, dass nicht die Ehe, sondern die Liebe eine legitime Basis für eine sexuelle Beziehung sei. In immer größerer Öffentlichkeit konnte sie in den folgenden Jahren die Rechte der Frauen im Bezug auf Empfängnisverhütung und Abtreibung vertreten.
Im ersten Weltkrieg wurde sie radikale Pazifistin und schloss sich 1923 der antikapitalistischen “Gruppe revolutionärer Pazifisten” an. Nachdem ihr Lebensgefährte, von dem sie finanziell abhängig war, verstorben war und die Nationalsozialisten 1933 die Macht in Deutschland übernommen hatten, kam Stöckers Karriere zu einem abrupten Ende. Sie musste nach Zürich emigrieren, ihr wurden die deutsche Staatsbürgerschaft, ihr Doktortitel und ihr Kontoguthaben abgenommen. In den Jahren von 1940 bis 1943 siedelte sie erst nach Schweden und dann über die Sowjetunion in die USA aus, wo sie 1943 nach intensiver, aber unvollendeter Arbeit an ihrer Autobiografie starb.
Philosophie
Nach der Lektüre von Goethes “Faust”, die Helene Stöcker aufgrund der ungewollten Schwangerschaft und der Verzweiflung Gretchens mit “ungeheurer Wut” erfüllt hatte, war ihr klar, dass sie sich engagieren musste. Für die Rechte von Frauen und Müttern, gegen die Ansichten der konservativen Gesellschaft. Sie forderte unter anderem frei verfügbare Verhütung auf Wunsch der Frau und die Aufhebung des Abtreibungsverbotes. Für ledige Mütter sollten Mütterheime und Mutterschaftsversicherungen eingeführt werden, damit Frauen in der Phase, in der sie nicht arbeiten konnten, nicht der finanzielle Ruin drohte. Solche Mütterheime richtete sie später mit dem “Bund für Mutterschutz und Sexualreform” selbst ein. Außerdem forderte Stöcker, dass Liebesbeziehungen ohne Ehe gesellschaftlich anerkannt werden sollten. Helene Stöcker selbst lebte für viele Jahre in einer unverheirateten Beziehung. In ihrem Buch “Liebe und die Frauen” schreibt sie: „Man muss es nur einmal recht erfassen, welcher Widersinn darin liegt: Die große Bedeutung der Frau für die Menschheit liegt in der Mutterschaft. Und doch hat man sich nicht gescheut, jede Mutterschaft der Frau außerhalb der Vaterrechts-Ehe ihr als ein Verbrechen anzurechnen.“
Fazit
Helene Stöckers Engagement für weibliche Selbstbestimmung über den eigenen Körper legte ein Fundament für viele der Errungenschaften in der Würde von Frauen und Müttern, die bis heute erreicht wurden. Die meisten ihrer Ziele wurden in Deutschland zum größten Teil umgesetzt (Unterstützung von Müttern, Verhütung, Straffreiheit von Abtreibung bis zur 12. Woche, weitgehende Anerkennung von unverheirateten Paaren), aber vor allem in anderen Teilen der Welt sieht es mit der sexuellen Selbstbestimmung und der Gleichberechtigung von Frauen noch viel schlechter aus. Die Forderungen von Helene Stöcker sind deshalb heute genauso aktuell wie vor 100 Jahren.
CB
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