Die Quintessenz

Wenn Frauen die Männer bei einer Gelegenheit übertreffen, sagt man, sie müssten wohl aus ihrer Natur herausgefallen sein.

Biographie

Marie le Jars de Gournay wurde am 6. Oktober 1565 in Paris geboren. Sie war das älteste von sechs Kindern einer eher bescheiden lebenden französischen Familie. Aufgrund der traditionellen Vorstellungen ihrer Eltern war es ihr nicht erlaubt, eine formale Ausbildung zu absolvieren – sie wünschten sich für ihre Tochter eine standesgemäße Heirat und ein konventionelles Leben als Frau. Nach dem frühen Tod ihres Vaters übertrug ihre Mutter der damals 13-jährigen Marie die Verantwortung für ihre jüngeren Geschwister. Dennoch ließ sich Marie nicht davon abhalten, sich autodidaktisch zu bilden: Sie brachte sich selbst das Lesen und Schreiben bei und las heimlich Bücher aus der väterlichen Bibliothek. Auf diesem Wege entdeckte sie die Schriften Michel de Montaignes.

„Die Bewunderung, die sie in mir auslösten, als sie mir am Ende meiner Kindheit zufällig in die Hände fielen, sollte mich in den Ruf einer Wahnsinnigen geraten lassen.“
– Auszug aus einem Brief von Marie an Montaigne

Michel de Montaigne war ein Jurist, Philosoph, Skeptiker und Begründer der Essayistik in Frankreich im 16. Jahrhundert. Marie de Gournay war früh von seinen Essays begeistert und suchte 1588 den persönlichen Kontakt zu ihm. Bei ihrem ersten Treffen zeigte sich Montaigne tief beeindruckt von der gebildeten jungen Frau, woraufhin sich eine enge Freundschaft entwickelte. Gournay verstand nicht nur seinen Schreibstil, sondern teilte auch viele seiner philosophischen Ansichten. Montaigne bezeichnete sie daher als seine „Tochter des Geistes“ und als ideale Leserin seiner Werke.

Nach dem Tod von Maries Mutter im Jahr 1591 befand sich die 26-Jährige in einer finanziell schwierigen Lage. Sie zog daraufhin nach Paris an den Hof Heinrichs IV., wo sie viele Verehrer hatte. Doch aufgrund ihres Strebens nach Unabhängigkeit und geistiger Freiheit entschied sie sich bewusst gegen eine Ehe.

Bereits 1592 starb auch ihr Freund und Mentor Montaigne. Auf seinen Wunsch hin wurde Marie zur Herausgeberin seiner nachgelassenen Schriften und überarbeitete sowie veröffentlichte sie seine Essays in einer erweiterten Ausgabe – ein bedeutender Schritt in ihrem philosophischen Werdegang.

In den folgenden Jahren lebte Gournay unter prekären Bedingungen in den literarischen Salons und an den Höfen von Paris. Als alleinstehende Frau, die versuchte, sich mit Schreiben, Übersetzungen und philosophischen Texten über Wasser zu halten, war sie immer wieder Spott und gesellschaftlicher Ablehnung ausgesetzt. Dennoch setzte sie sich unermüdlich für die Gleichstellung der Geschlechter und die Rechte der Frauen ein. Damit gilt Marie de Gournay als eine wichtige Vordenkerin der frühen feministischen Bewegung.

Philosophie

Unter ihren zahlreichen Werken fand besonders das Buch Apologie pour celle qui écrit (deutsch: Verteidigung der Frau, die schreibt) große Beachtung. Es versammelt unter anderem vier ihrer wichtigsten Texte, in denen sie sich mit der Rolle der Frau in Literatur und Gesellschaft des 17. Jahrhunderts auseinandersetzt. Darin verteidigt sie das Recht der Frauen, zu schreiben und sich intellektuell zu betätigen. Sie argumentiert entschieden gegen die gesellschaftlichen Vorurteile ihrer Zeit, die Frauen als weniger fähig oder ungeeignet betrachteten. Das Werk ist sowohl ein persönliches Manifest als auch eine gesellschaftliche Stellungnahme – und gilt als ein frühes Beispiel feministischer Literatur.

Auch in der Moralphilosophie hinterließ Marie de Gournay bleibende Spuren. In ihren Abhandlungen setzte sie sich mit zahlreichen ethischen Fragen auseinander, insbesondere mit dem Begriff der Tugend. Sie verteidigte einen aristokratisch geprägten Tugendbegriff, war sich jedoch der Schwierigkeiten bewusst, wahre Tugendhaftigkeit zu erkennen. Ihrer Ansicht nach hängen moralische Handlungen oft mit verdeckten persönlichen Motiven zusammen.

„Viele, wenn nicht sogar alle menschlichen moralischen Handlungen sind durch unmoralische Faktoren motiviert. Äußeres tugendhaftes Verhalten wird mehr durch persönliches Interesse oder Zufall verursacht als durch bewusste tugendhafte Absicht.“

Solche moralphilosophischen Überlegungen begleiteten Marie de Gournay ein Leben lang – von ihrer Jugend bis zu ihrem Tod. Die Philosophin und Frühfeministin starb am 13. Juli 1645 in Paris. Eine erste Gesamtausgabe ihrer Werke erschien jedoch erst im Jahr 2002.

PM/LG/MW


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