Die Quintessenz

Die Natur hat die Frauen mit ebenso vielen körperlichen und geistigen Gaben ausgestattet wie die weisesten und erfahrensten Männer.

Biographie

Christine de Pizan wurde 1365 in Venedig geboren. Ihr Vater, Tommaso di Benvenuto da Pizzano, war ein angesehener Arzt, Alchemist und Hofastrologe am französischen Königshof in Paris. In diesem intellektuell anregenden Umfeld erhielt Christine eine für ein Mädchen ihrer Zeit außergewöhnlich umfassende Bildung, die durch ihren Zugang zur königlichen Bibliothek im Louvre – einer der bedeutendsten Europas – noch vertieft wurde.

Mit 15 Jahren heiratete sie Etienne du Castel, einen Sekretär in der königlichen Administration. Nach dem frühen Tod ihres Ehemanns (um 1390) und dem ihres Vaters stürzte Christine in eine schwere finanzielle Notlage. Statt den für Witwen üblichen Weg einer Wiederverheiratung oder eines Klostereintritts zu wählen, traf sie die für die damalige Zeit revolutionäre Entscheidung, ihre Familie als professionelle Schriftstellerin zu ernähren. Ihre Karriere begann sie als Kopistin von Manuskripten und Verfasserin höfischer Balladen, verfasste aber bald auch politische Schriften, Biografien und Erziehungsratgeber.

Um 1401 trat sie in die öffentliche Debatte um den berühmten “Rosenroman” ein. Mit ihrer Kritik löste sie die erste große Phase der sogenannten “Querelle des Femmes” aus – einem literarischen und philosophischen Streit über den Charakter, die Fähigkeiten und die gesellschaftliche Stellung der Frau, der über Jahrhunderte andauern sollte. Christine de Pizan war die erste Frau, die sich mit großem intellektuellen Gewicht in diese Auseinandersetzung einschaltete und sie damit entscheidend prägte.

Ihr Hauptwerk, “Das Buch von der Stadt der Frauen” (“Le Livre de la Cité des Dames”), erschien 1405. Darin entwirft sie die Allegorie einer idealen Stadt. Diese wird von den drei Tugenden – Vernunft, Rechtschaffenheit und Gerechtigkeit – erbaut und mit tugendhaften Frauen aus Geschichte und Gegenwart bevölkert. Die Stadt dient als symbolischer Schutzraum und intellektueller Gegenentwurf zur misogynen Gesellschaft ihrer Zeit.

Ihr letztes bekanntes Werk, das Gedicht “Le Ditié de Jehanne d’Arc”, widmete sie 1429 der Heerführerin Jeanne d’Arc. Christine de Pizan starb um 1430 im Kloster von Poissy.

Philosophie

Christine de Pizan war eine der ersten Frauen in Europa, die sich systematisch und öffentlich gegen die im Klerus und Adel weit verbreitete misogyne Sicht auf Frauen wandte. Besonders bekannt wurde sie durch ihre scharfe Kritik am “Rosenroman”. Dabei zielte ihre Kritik vor allem auf den zweiten, von Jean de Meun verfassten Teil des Werkes, der Frauen in polemischer Weise als lasterhaft und minderwertig darstellte, während der ältere Teil von Guillaume de Lorris noch der Tradition der höfischen Liebe folgte.

In ihrem Hauptwerk “Das Buch von der Stadt der Frauen” widerlegt sie die frauenfeindlichen Thesen methodisch. Sie nutzt die in der männlich-klerikalen Tradition übliche Form des Exemplums (der beispielhaften Erzählung), kehrt diese aber um: Anstatt Lasterhaftigkeit zu belegen, führt sie eine beeindruckende Fülle an positiven Beispielen von starken, intelligenten und tugendhaften Frauen aus der Bibel, der antiken Geschichte und ihrer eigenen Zeit an, um die moralische und intellektuelle Gleichwertigkeit der Frau zu beweisen.

Über die Frauenfrage hinaus war Christine eine bedeutende politische Denkerin. In Schriften wie “Das Buch vom Frieden” (“Le Livre de la Paix”, 1413) trat sie vehement für ein Ende des Hundertjährigen Krieges ein. Angesichts des Bürgerkriegs in Frankreich entwickelte sie Konzepte einer gerechten und auf dem Gemeinwohl (res publica) basierenden Herrschaft und ermahnte die Mächtigen, ihre Verantwortung für den inneren Frieden wahrzunehmen.

Fazit

In der Forschung wird Christine de Pizan wird sie oft als Proto-Feministin bezeichnet: Lange bevor es den Begriff des Feminismus gab, nahm sie dessen zentrale Anliegen – das Recht auf Bildung, die Verteidigung gegen Misogynie und die Anerkennung der intellektuellen und moralischen Fähigkeiten von Frauen – vorweg. Sie wagte es, den Autoritäten ihrer Zeit zu widersprechen und schuf sich als erste Frau in Frankreich eine Existenz als unabhängige Intellektuelle.

Ihr Werk ist ein früher Meilenstein in der Geschichte der Gleichberechtigung. Interessanterweise geriet sie nach ihrem Tod für Jahrhunderte weitgehend in Vergessenheit und wurde erst im 20. Jahrhundert, maßgeblich durch die feministische Forschung, wiederentdeckt. Heute hat sie ihren festen und unbestrittenen Platz im literarischen und philosophischen Kanon.

JM/FW/SY


zurück zu: 350-415 Hypatia von Alexandria

weiter mit: 1565-1645 Marie de Gournay

zur Übersicht: Einstieg ins Projekt ‘Weibliche Philosophiegeschichte’